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Archive for August 2012

Lieber Leser,

an dieser Stelle möchte ich Sie unter meinem Motto „Schlechte Laune – gratis“ auf einen Artikel des Spiegels hinweisen, der mich sehr gefreut hat. „Gefreut“ hat er mich aus dem Grund, als dass ich ihn mit großer Erleichterung gelesen habe. Die Botschaft: Die intellektuelle Elite in unserem Land verarmt nicht!

Aber lesen Sie selbst:

http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/doktoranden-studie-wie-es-bei-promotion-zugeht-a-849179.html

Doch geht es jungen Forschern wirklich so schlecht oder beklagen sie sich einfach mehr als andere?

Diese schwere Frage zu lösen, haben sich „die Autoren Stefan Hornbostel und sein Team vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ)“ angeschickt zu lösen. Und ihre Ergebnisse sind – ich habe es vorweg genommen – ein Grund zur Freude.

Darum greifen Geisteswissenschaftler mehr als andere Doktoranden auf Ersparnisse zurück oder erhalten finanzielle Unterstützung von ihren Eltern. 15 bis 20 Prozent verdienen monatlich weniger als 826 Euro und liegen damit unter der Armutsgrenze. Nur etwa einer von fünf Geisteswissenschaftlern gibt an, mehr als 1400 Euro im Monat zur Verfügung zu haben.

Rufen wir uns für einen Moment ins Gedächtnis wer (oder was?) ein Doktorand eigentlich ist:

  • Eine Person, die ihr wissenschaftliches Hochschulstudium (i.A. 4-6 Jahre) überdurchschnittlich gut abgeschlossen hat.
  • Eine Person, der aufgrund ihrer erbrachten Leistungen zugetraut wird einen wertvollen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung eines bestimmten Bereichs zu leisten.
  • Eine Person, die in diesem Bereich eine umfangreiche Forschungsarbeit (Dissertation/Doktorarbeit) verfasst.
  • Eine Person, die aufgrund ihrer bisherigen Leistungen befähigt ist an einer Universität oder einer anderen Form der Hochschule zu lehren.
  • Eine Person, die an wissenschaftlichen Fachtagungen, Symposien teilnimmt, um die Erkenntnisse ihrer Forschungsarbeit in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.

…15 bis 20 Prozent verdienen monatlich weniger als 826 Euro…

Man kann sich gar nicht vorstellen, mit welcher Erleichterung ich festgestellt habe, dass lediglich „15 bis 20 Prozent“ der oben beschriebenen Geisteswissenschaftler unterhalb der Armutsgrenze leben müssen. Konkret gesprochen heißt das: Entschiede sich dieses Fünftel auf seine Forschungsarbeit zu verzichten und statt dessen einfach GAR NICHTS zu tun, lebte es unter augenscheinlich besseren Bedingungen als bisher.

Aber lassen wir dieses vernachlässigbare, knappe Fünftel hinter uns, denn schließlich kann unser schönes Land sicherlich auf ein Fünftel seiner intellektuellen Neuerkenntnisse aus Promotionsarbeiten verzichten – seien wir ehrlich. – Wenden wir uns stattdessen lieber den Großkapitalisten unter den promovierenden der Geisteswissenschaften zu, nämlich jenen die unsere Statistik so wunderbar ausgleichen:

Nur etwa einer von fünf Geisteswissenschaftlern gibt an, mehr als 1400 Euro im Monat zur Verfügung zu haben.

Erstaunlich ist an dieser Stelle das Partikelchen „nur“, dabei müsste sich das Gros der angehenden Doktoren der Geisteswissenschaften glücklich schätzen, dass es einige im Kollegenkreis gibt, die MEHR als die phänomenale Summe von 1400,-€ monatlich auf ihrem Konto vorfindet. Und während das vernachlässigbare Fünftel der u826€-Forscher gierig sabbernd auf jene Großverdiener schielt, werfen wir einen Blick auf eine Gehaltstabelle, um die kryptische Aussage „zur Verfügung haben“ (Nettolohn?, nach Abzug der Lebenserhaltungskosten? Nach Abzug der Kosten für aktuelle Forschungsliteratur, Reisen zu Tagungen, etc?) einmal zu vergleichen.

Nicht schlecht, sollte man denken, denn so ein Doktorand(Alter ca. 26 Jahre, Ausbildungszeit ca. 5 Jahre, überdurchschnittlicher Hochschulabschluss mit akad. Grad) bekommt schließlich rund 250,-€ mehr als ein Einzelhandelskaufmann im Bereich Lederwaren beim Berufseinstieg (Alter: ca. 21 Jahre, Ausbildungszeit: 3 Jahre). Unerwähnt lässt der Artikel dabei jedoch, welchen Tätigkeiten die Promovierenden bei diesem Gehalt nachgehen und ob diese in Zusammenhang mit ihrem Forschungsfeld stehen…

Die Autoren schlussfolgern: Das „Horrorbild von Doktoranden, die arm und ausgebeutet ihrer Promotion nachgehen“, habe wenig mit der Realität zu tun. Im Durchschnitt erhalte die Mehrheit der Doktoranden vergleichbare Gehälter wie andere Hochschulabsolventen. Nichtsdestotrotz müsse man aber die sehr unterschiedlich ausgeprägten Einzelschicksale beachten.

Nach dieser Aussage bleibt uns nur eine Botschaft: Liebe Doktoranden, liebe 15-20%-Einzelschicksale, hören Sie gefälligst auf zu jammern und sich „mehr zu beklagen als andere“. Und bitte, denken Sie immer daran: Das bestverdienenste Fünftel unter Ihnen hat immer noch mehr Geld zur Verfügung als ein einundzwanzigjähriger Einzelhandelskaufmann im Bereich Lederwaren bei seinem Berufseinstieg.

Wie immer mit den herzlichsten Grüßen bin ich oder bin ich nicht

Ihr Hiob

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